In eigenen Worten #29: „Wenn die Küstenwache uns in libyschen Gewässern aufgreift, werden wir einfach weiterverkauft.“

In eigenen Worten #29: „Wenn die Küstenwache uns in libyschen Gewässern aufgreift, werden wir einfach weiterverkauft.“

Am 22. Februar hat das Team von SOS MEDITERRANEE innerhalb weniger Stunden vor der libyschen Küste die Insassen von vier Boote gerettet, die in Seenot geraten waren. Insgesamt 394 Menschen konnten sicher nach Italien gebracht werden. An Bord der Aquarius berichten sie von der Überfahrt, aber vor allem von dem Grauen, das sie in Libyen erlebt haben. Am Tag zuvor wurden die Leichen von 74 Geflüchteten an einem Strand von Zawiya, östlich von Tripolis, gefunden. Der Horror nimmt kein Ende. Auf dem Mittelmeer ist die Lage zu Beginn dieses Jahres dramatischer als je zuvor. Ein Augenzeugenbericht.

 

Issouf zieht saubere Kleidung aus seinem rescue kit an. Er setzt eine warme Mütze auf und sondert sich vom Rest der Gruppe ab. Gedankenverloren beobachtet er, wie das Team von SOS MEDITERRANEE das dritte und vierte Boot sichert und die Menschen darin an Bord holt. Er steht wohl noch unter Schock, schließlich ist er nur knapp mit dem Leben davongekommen. Mit 90 anderen war er in einem kleinen Schlauchboot stundenlang durch die dunkle Nacht getrieben. Sie waren in Sabratha losgefahren, westlich von Tripolis.

Er hat keine Freunde unter den Mitreisenden, er kannte die anderen vorher nicht. Issouf erzählt mir, dass sein einziger Freund in Libyen verschleppt wurde und er ihn vor seiner Abfahrt nicht wiederfinden konnte. Er macht sich große Sorgen um ihn, er hatte keine Zeit mehr, der Familie seines Freundes Bescheid zu sagen, er musste überstürzt fliehen. Er zeigt mir die Narbe an seinem Hals. „Das haben sie mir mit einem Messer angetan, sie wollten mein Geld!“ Die wulstige Narbe befindet sich direkt an der Hauptschlagader. Der junge Mann, gerade volljährig, wäre an jenem Tag fast verblutet. Er zeigt mir seine Hände, einer der Finger ist verkrümmt. „Im Gefängnis haben sie mir jeden Morgen die Hand verdreht“, sagt er leise. Er spricht sehr undeutlich. Er nimmt meine Hand und führt sie zu seinem geschwollenen Kiefer. „Spürst du das? Da haben sie mich mit dem Lauf einer Kalaschnikow geschlagen.“ Wie gleichmütig er von seinen Leiden erzählt, trifft mich unvorbereitet. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieser junge Mann mit dem weichen, noch fast kindlichen Gesicht brutal misshandelt wurde, jeden Tag, immer wieder, ohne dass er ein Ende seiner Tortur absehen konnte. Er verbrachte sieben Monate und drei Wochen in Libyen.

„Ich hatte einen einzigen libyschen Freund. Er heißt Oussama, wie der dort drüben“, sagt er und deutet mit dem Kopf auf den interkulturellen Vermittler von Ärzte ohne Grenzen, der mit uns an Bord der Aquarius ist. „Er war Libyer, aber sudanesischer Herkunft. Er fragte mich: „Aber warum bist du nach Libyen gekommen? Das war ein großer Fehler!“ Issouf murmelt noch einmal: „Ein großer Fehler … “ Dann erzählt er weiter: „Ich habe ihm erklärt, dass ich nicht freiwillig gekommen bin. Man hat mich angelogen und nach Tripolis verschleppt.“ Wenn er von seinem Freund spricht, beginnen seine Augen zu leuchten. „Falls ich eines Tages ein Kind habe und es ein Junge ist, nenne ich ihn Oussama.“

Doch sofort verschwindet die Hoffnung wieder aus seinem Blick. „In Libyen greifen dich acht- oder zehnjährige Kinder mitten auf der Straße an, sie schlagen dich vor den Augen der Erwachsenen. Alles, was ich besaß, wurde mir in Libyen gestohlen, sie nehmen dir alles weg und wenn man nichts hat, was man ihnen geben kann, verschleppen oder töten sie dich.“ Deshalb sind die Geflüchteten aus südlicheren Regionen Afrikas ständig auf der Flucht vor ihren Peinigern. „Im Januar brachen Unruhen in einem Viertel von Tripolis aus, die Asma Boys kämpften gegen die Polizei. Sie haben allen Schwarzen gesagt, dass sie verschwinden sollen“, erzählt Issouf. „Ich hatte großes Glück, ich konnte rechtzeitig abhauen. Aber insgesamt flohen vielleicht 6.000 Menschen vor den Kämpfen. Einige wurden geschnappt, die Libyer füllten ganze Busse mit Schwarzen, die nicht wussten, wohin. Keiner weiß, wo sie hingebracht wurden.“

 

„In Libyen kannst du niemandem vertrauen, du weißt nie, ob die Leute, die dich festnehmen, von der Polizei sind oder zu den Asma Boys gehören“, mischt sich C. ein, ein junger Nigerianer, der in eine Leopardendecke gewickelt ist und unser Gespräch von Anfang an verfolgt hat. „Mir haben sie das Bein gebrochen, indem sie mich mit Stöcken schlugen, jeden Tag. Sie haben mir all mein Geld abgenommen. Und es gab niemanden, der mir helfen konnte, kein Krankenhaus. Ohne Ärzte sterben die Menschen. Ich habe Menschen im Gefängnis sterben sehen, sehr viele Menschen.“ Einige Minuten zuvor hat eine junge Frau erzählt, dass die Leichen ihrer Freunde neben ihr zurückgelassen wurden. Sie verwesten neben ihrer Matratze.

„In Libyen hat man mich sofort ins Gefängnis gesteckt. In diesem Gefängnis gab es Ärzte, die Essen brachten“, erzählt C. weiter. „Doch die Wärter hinderten die Hilfsorganisationen daran, uns das Essen zu geben. Sie beschlagnahmten alles. Wir bekamen nur Nudeln, gekochte Spaghetti ohne jeden Geschmack.“ C. berichtet, dass Araber in dieses Gefängnis kämen, „um Schwarze zu kaufen. Sie zahlen den Wärtern tausend Dinar pro Kopf. Dann zwingen sie uns, für sich zu arbeiten. Wenn die libysche Küstenwache uns während der Überfahrt aufgreift, bringen sie uns zurück nach Libyen. Dann behaupten sie, dass sie uns zurück in unsere Heimatländer schicken. Aber das stimmt nicht, sie verkaufen uns einfach weiter.“

 

Issouf, der unter einer Treppe kauert, stimmt mit einem Kopfnicken zu. „Ich habe gehört, dass diese Route in einem Monat geschlossen wird“, sagt er. Dieses Gerücht kursiert in den libyschen Flüchtlingslagern. Er macht sich große Sorgen um die Afrikaner, die dort festsitzen. „Ich denke ständig an meine Freunde, die noch in Libyen sind. Ich habe Angst um sie. Ich mache mir so große Sorgen, dass ich Kopfschmerzen habe.“

Vielleicht weil sein Kiefer ihn zu sehr schmerzt, ist Issouf der Einzige an Bord der Aquarius, der nicht lächelt, als er im Hafen von Trapani zum ersten Mal europäischen Boden betritt. Dabei kann er nach der Identitätskontrolle endlich seine Mutter anrufen. „Ich vermisse sie schrecklich. Als ich in Libyen war, flehte sie mich an, nach Hause zu kommen. Sie wollte nicht, dass ich weggehe. Aber ich habe gesagt: Lass es mich versuchen.“ Das hat er mir am Tag zuvor anvertraut, als er mich fragte, wie lange es noch dauern würde, bis er sie anrufen könne. „Sie ist meine Mutter, sie leidet sehr darunter, dass sie nicht weiß, ob ich noch lebe oder ob ich im Meer ertrunken bin. “

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Text: Mathilde Auvillain
Foto: Marco Panzetti
Übersetzung aus dem Französisch: Diana Driza und Sonja Finck